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Ratgeber · Anlagepsychologie

Die häufigsten Fehler beim Investieren an der Börse

Zwölf Fehler, die fast jeder Anleger macht — betrachtet durch die Analysen und die Philosophie von Warren Buffett.

Aktualisiert im September 2026 · Lesezeit 14 Minuten

In diesem Artikel geht es um die größten Fehler, die fast jeder Anleger macht — betrachtet durch die Analysen und die Philosophie eines der größten Investoren der Welt: Warren Buffett.

1. Den Markt vorhersagen wollen

"Charlie und ich denken nicht an den Markt. Ben tat das auch nicht oft. Ich glaube, er machte einen Fehler, wenn er gelegentlich versuchte, ihn zu bewerten. Wir schauen auf einzelne Unternehmen. Aber der Aktienmarkt… ich kenne niemanden, der wirklich viel Geld damit verdient hätte, die Bewegungen des Marktes vorherzusagen. Ich kenne viele, die gut damit gefahren sind, die richtigen Unternehmen auszuwählen, und das ist es, was auch wir zu tun hoffen."

Sich zu sehr darauf zu konzentrieren, was der Gesamtmarkt tut, ist ein Fehler, der so leicht passiert, dass selbst Buffetts Vorbild Benjamin Graham ihm erlag.

Warum ist die Vorhersage von Marktbewegungen so verlockend? Weil die Flut alle Schiffe heben, aber auch versenken kann. Du hast eine hervorragende Aktie gefunden — und dann kam Covid. Du hast ein weiteres großartiges Unternehmen entdeckt und standest vor steigenden Zinsen, Inflation und Krieg. Wir wollen am Tief kaufen und am Hoch verkaufen. Klingt einfach, oder?

Buffett sagt, man solle sich im Leben auf zwei Dinge konzentrieren: auf das, was wichtig ist, und auf das, was man wirklich weiß. Wohin der Markt läuft, ist zweifellos wichtig — aber ist es wissbar? Niemand weiß, welche Zinserhöhung die Fed bei der nächsten Sitzung verkündet. Und das ist nur eine von rund hundert relevanten Variablen.

Buffett konzentriert sich stattdessen auf das, was zugleich wichtig und wissbar ist: hervorragende Unternehmen zu fairen Preisen zu finden. Zu erkennen, dass ein Schiff überlegen ist, fällt weit leichter, als jeden Sturm vorherzusehen. Manchmal kommen Orkane und eines deiner Schiffe sinkt; ein anderes Mal hast du Rückenwind. Über die Zeit zahlt es sich aus, auf die besseren Schiffe zu setzen.

2. Am eigenen Einstandskurs hängen

"Eine Aktie steht bei 50: Jemand hat 100 bezahlt und fühlt sich schrecklich. Jemand anderes hat 10 bezahlt und fühlt sich klug. All diese Gefühle… die keinerlei Auswirkung haben."

Nimm den Kursverlauf der Amazon-Aktie der vergangenen fünf Jahre. Julian kaufte im Juni 2022 und steht bei plus 5 Prozent — nach vier Monaten vermutlich zufrieden. Mario kaufte im Juli 2021 und liegt 38 Prozent im Minus. Anna kaufte vor fünf Jahren und freut sich über plus 140 Prozent.

Die Millionenfrage: Spielt das überhaupt eine Rolle? Sollten Julian, Mario und Anna dieselbe Aktie unterschiedlich behandeln, je nachdem wann sie gekauft haben? Sollten Julian und Anna verkaufen, um "Gewinne mitzunehmen", während Mario wartet, bis er "wieder bei null ist"?

So formuliert ist die Antwort offensichtlich nein. Für die heutige Entscheidung zählt allein die wahrscheinliche künftige Entwicklung des Unternehmens. Stünde Amazon in einem Jahr 50 Prozent höher, würden alle drei 50 Prozent gegenüber dem heutigen Niveau verdienen.

Der Fehler besteht darin, am eigenen Einstandskurs zu hängen. Der Amazon-Aktie ist dein Kaufpreis vollkommen gleichgültig. Aktien empfinden kein Mitgefühl: Sie behandeln denjenigen, der 38 Prozent verloren hat, von heute an genauso wie denjenigen, der 133 Prozent gewonnen hat. Buffett rät, gedanklich immer bei einer leeren Tafel zu beginnen.

3. Aggressive Wachstumsprognosen

"Ich halte es für einen Fehler, wenn ein Unternehmen 15 Prozent Wachstum pro Jahr prognostiziert. Aber viele tun es. Sehr wenige große Unternehmen schaffen es, ihre Gewinne mit 15 Prozent zu steigern. Das wird nicht passieren."

Hast du dir schon einmal gesagt: "Diese Aktie wirkt teuer, aber wenn die Gewinne so weiterwachsen, ist sie bald ein Schnäppchen"?

Viele hoch bewertete Unternehmen verteidigen ihren Aktienkurs mit außergewöhnlichen Wachstumsschätzungen. Sehr hohe Wachstumsraten zu erwarten ist jedoch ein Fehler. Das heißt nicht, dass man Wachstumsunternehmen meiden sollte: Buffett investiert gern in Firmen, die wachsen können, besonders wenn sie dafür wenig Kapital brauchen. Die Falle ist Wachstum um jeden Preis. Wer eine Aktie zum Zwanzigfachen der Gewinne oder mehr kauft, braucht ein drastisches Gewinnwachstum, um eine gute Rendite zu erzielen. Und das ist nicht leicht zu erreichen.

4. Zu viel Hebel einsetzen

"Der einzige Weg, auf dem ein intelligenter und bei der Bewertung von Anlagen einigermaßen disziplinierter Mensch wirklich in Schwierigkeiten geraten kann, ist der Hebel. Wenn dir jemand anderes im schlimmsten Moment einer allgemeinen Finanzkatastrophe den Stecker ziehen kann, bist du ruiniert. Charlie und ich haben Freunde, denen genau das passiert ist."

Hoher Hebel ist das finanzielle Äquivalent zum russischen Roulette. Investieren ist kein Spiel für Ungeduldige, und nichts schreit so laut nach Verzweiflung wie ein Depot voller geliehenem Geld.

Warum ist Hebel so gefährlich? Weil du mit geliehenem Geld recht haben kannst und dein Blatt trotzdem nie ausspielen darfst.

Ein Beispiel. Jonas, Hedgefondsmanager, beschließt am 15. März 2022, GameStop leerzuverkaufen. Auch er nutzt Hebel, leiht sich aber Aktien statt Bargeld — genau der Grund, weshalb Buffett Leerverkäufe ablehnt.

Jonas leiht und verkauft Aktien im Wert von einer Million Dollar und hinterlegt 500.000 Dollar als Anfangsmargin: Der Broker will sicher sein, dass er die Aktien zurückgeben kann. GameStop ist mit mindestens dem Zwanzigfachen seines besten Jahres des Jahrzehnts bewertet, und das Unternehmen kämpft seit fünf oder sechs Jahren mit Gegenwind. Jonas hat ein gutes Blatt auf der Hand — vielleicht kein Ass-Paar, aber ein Damen-Paar.

Ausspielen wird er es nie. Eine Woche später steigt die Aktie von 19 auf 31 Dollar. Jonas schuldet seinem Broker nun über 1,6 Millionen Dollar in GameStop-Aktien, dazu kommt die Erhaltungsmargin: insgesamt rund 2,1 Millionen. Es folgt der erste Margin Call über 600.000 Dollar, den Jonas bedient. Eine Woche darauf notiert die Aktie bei 47 Dollar, die Schuld steigt auf fast 2,5 Millionen, und ein zweiter Margin Call über 1,1 Millionen trifft ein — mehr, als er aufbringen kann. Er muss die Aktien zurückkaufen und schließt die Position mit 1,5 Millionen Dollar Verlust.

Am Ende hätte Jonas recht behalten. Weil er aber Hebel einsetzte, kann er von dieser Einschätzung nie profitieren.

5. Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

"Wir haben bei Übernahmen eine Menge Fehler gemacht. Eine Menge. Aber die Fehler betrafen immer eine falsche Einschätzung der künftigen wirtschaftlichen Lage der Branche, in der das Unternehmen tätig ist. Es geht nicht um einen ungünstigen Mietvertrag, einen bestimmten Arbeitsvertrag oder ein fragwürdiges Patent. Das sind nicht die Dinge, auf die es ankommt. Drei Dinge: die künftige wirtschaftliche Lage von Unternehmen und Branche, das Management, der Preis. Wenn du diese drei richtig triffst, musst du dich nicht um jedes Detail kümmern."

Man sagt, Buffett könne einen Deal in fünfzehn Minuten abschließen. Das liegt teils an enormer Erfahrung, teils daran, dass er die Dinge gern einfach hält. In fünfzehn Minuten kann er nicht jedes Detail eines Unternehmens erfassen — jene Due Diligence, für die Banker und Berater Monate brauchen — aber er kann über jene drei Punkte entscheiden. Und darauf kommt es an.

Sich in zu vielen Details zu verlieren heißt, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Das ist wahrscheinlich der Fehler dieser Liste, der am schwersten zu vermeiden ist.

6. Über zwei Meter hohe Latten springen

"Manche Unternehmen sind viel leichter zu verstehen als andere. Und Charlie und ich mögen keine schwierigen Probleme. Wir multiplizieren lieber mit drei als mit Pi. Manche Leute denken, wenn man über eine sieben Fuß hohe Latte springt, sei die Medaille mehr wert als beim Überschreiten einer ein Fuß hohen. In der Welt des Investierens stimmt das absolut nicht."

Dieser Fehler ist so verbreitet, weil er allem widerspricht, was Erfolg in fast jedem anderen Lebensbereich bedeutet: unmögliche Berge besteigen, komplexe Gleichungen lösen, schwierige Prüfungen bestehen. Überall wird belohnt, wer Schweres leistet.

Beim Investieren ist es anders. Mathematische Kunststücke und komplizierte Branchenprognosen bringen keine höhere Belohnung und schaden dem Ergebnis oft. Frag die Mathematikgenies und Nobelpreisträger von Long-Term Capital Management.

Wenn du ein Unternehmen mit günstigen Aussichten findest, mit ehrlichem und fähigem Management, und nicht zu viel dafür bezahlst, wirst du gut abschneiden. Einfache Ideen liefern langfristig außergewöhnliche Ergebnisse.

7. Das eigene Anlageuniversum einengen

"Wir halten den Fonds, den wir bei Berkshire haben, für den logischsten: Wir können im Grunde alles tun, was Sinn ergibt, und müssen nichts tun, was aus unserer Sicht keinen Sinn ergibt. Ich halte es für einen Fehler, das Universum der Möglichkeiten einzuengen. Unseres hat sich allein durch die Größe verengt, aber wir setzen uns nicht zum Ziel, unser Handeln in irgendeiner Weise zu beschränken."

Chancen bleiben nicht lange am selben Ort, und man weiß nie, wo sich die nächste auftut. Es lohnt sich daher, offen zu bleiben und das eigene Feld nicht auf eine einzelne Branche oder ein Segment zu begrenzen.

Viele Fonds tun genau das: nur ESG-Unternehmen, nur Dividendenstarke, nur europäische Titel, nur Kryptowährungen. So funktionieren Chancen nicht. Vermutlich wissen das auch die Fondsmanager — ein Nischenprodukt lässt sich nur einfacher bewerben und verkaufen.

8. Ständig aktiv bleiben

"Wenn du das Gefühl hast, jeden Tag investieren zu müssen, wirst du eine Menge Fehler machen. Das ist nicht diese Art von Tätigkeit. Du musst warten, bis der perfekte Wurf kommt."

Wer hat größere Erfolgsaussichten: der Tennisspieler mit fünf Matches am Tag oder der mit fünf im Jahr? Der Autor, der fünfmal die Woche schreibt, oder der, der fünfmal im Jahr schreibt? Der Anleger, der fünf Aktien pro Woche kauft, oder der, der fünf pro Jahr kauft?

Investieren ist eine jener seltenen Ausnahmen, in denen Untätigkeit belohnt wird. Du kannst nicht jeden Tag das Äquivalent einer Coca-Cola zu einem fairen Preis kaufen. Es gibt lange Bärenmärkte voller Gelegenheiten und Bullenmärkte, in denen sich keine finden lässt, egal wie viele Steine man umdreht. Und manchmal gibt es Chancen, die schlicht außerhalb deines Kompetenzkreises liegen.

Buffett sagt, ein Anleger solle sich wie ein Schlagmann verhalten, der nicht ausscheiden kann: Er schlägt nicht nach jedem Wurf. Er wartet auf den perfekten.

9. Zu breit streuen

"Wenn du die Unternehmen wirklich kennst, solltest du wahrscheinlich nicht mehr als sechs besitzen. Wenn du sechs großartige Unternehmen findest, ist das alle Diversifikation, die du brauchst, du wirst viel Geld verdienen, und ich garantiere dir: zu einem siebten überzugehen, statt mehr Geld in das erste zu stecken, muss ein schrecklicher Fehler sein. Sehr wenige Menschen sind mit ihrer siebtbesten Idee reich geworden. Aber viele mit ihrer besten."

Diversifikation ist ein heißes Eisen unter Anlegern, läuft im Kern aber auf Folgendes hinaus: Wenn du dich nicht regelmäßig über einzelne Unternehmen informieren willst, solltest du streuen — vermutlich über einen Indexfonds, der dich vor fehlendem Wissen schützt.

Bist du dagegen das, was Buffett einen know-something-Anleger nennt, jemand, der sich gern über bestimmte Branchen und Firmen auf dem Laufenden hält, solltest du dieses Wissen für überdurchschnittliche Renditen nutzen. Wer die dreißig größten Unternehmen des S&P 500 kauft, sollte keine nennenswert andere Rendite erwarten als jemand, der in den Index investiert.

10. Bestätigungsfehler

"Zweifellos: Worin der Mensch am besten ist, ist alle neuen Informationen so zu deuten, dass seine bisherigen Schlussfolgerungen unangetastet bleiben. Dieses Talent scheint jeder perfektioniert zu haben. Charlie und ich haben große Fehler gemacht, weil wir zögerten, die Dinge mit neuen Augen zu sehen."

Charlie Munger hat dazu einen amüsanten Vergleich: Der menschliche Verstand ähnele sehr der menschlichen Eizelle, die einen Verschlussmechanismus besitzt — dringt ein Spermium ein, schließt sie sich, sodass das nächste nicht mehr hineinkommt.

Für Anleger ist das ein teurer Fehler. Wir suchen und deuten neue Informationen mit Vorliebe so, dass unsere bisherigen Schlüsse unangetastet bleiben — obwohl wir genau das Gegenteil tun sollten: rational bleiben und Vor- und Nachteile aller Unternehmen im Depot neu bewerten.

11. Der Herde folgen

"Menschen werden weiterhin dieselben Fehler machen wie früher. Sie bekommen Angst, wenn andere Angst haben. Und wenn sie gierig werden, werden sie es in Massen. Hier haben Charlie und ich einen Vorteil. In vielen anderen Bereichen haben wir keinen besonderen Vorsprung. Aber wir sind vielleicht besser als die meisten darin, uns nicht davon beeinflussen zu lassen, was andere tun."

Investieren steckt voller kontraintuitiver Prinzipien. In sehr vielen Lebensbereichen lohnt es sich, auf die Mehrheit zu hören: Wenn deinen Eltern und Freunden deine Partnerin gefällt, ist sie vermutlich eine gute Wahl; wenn vielen ein Film gefällt, gefällt er wahrscheinlich auch dir.

Bei Geldanlagen ist es anders. Wenn deine Eltern und all deine Freunde sich über die zuletzt von dir empfohlene Aktie einig sind, ist das vielleicht gerade die, die man nicht kaufen sollte. Ein anderer hervorragender Investor, Howard Marks, sagt: Was dem breiten Konsens der Anleger klar erscheint, ist fast immer falsch.

Wie kann das sein? Weil es keine gute Idee unabhängig vom Preis gibt. Tesla mag die Automobilindustrie erobern — ein gutes Investment ist die Aktie dennoch nicht, wenn der Kurs den Wert der gesamten Branche bereits einpreist. Am verwundbarsten sind wir, wenn andere — im schlimmsten Fall enge Freunde — mit etwas reich werden, das leicht aussieht.

12. Unterlassungsfehler

"Die mit Abstand größten Fehler, die wir gemacht haben, sind Unterlassungsfehler, nicht Handlungsfehler. Es sind die Dinge, von denen ich genug verstand, um sie zu tun, die in meinem Kompetenzkreis lagen — und ich saß da und drehte Däumchen."

Fast alle Fehler dieser Liste sind Handlungsfehler: Du musst etwas tun, um sie zu begehen. Manchmal ist der größte Fehler jedoch, nichts zu tun. Die Person nicht zu fragen, ob sie mit dir ausgehen will. Nie ein Risiko in der eigenen Laufbahn einzugehen. Oder, wie bei Buffett, nicht in etwas zu investieren, das eine offensichtliche Gelegenheit war.

Besonders ärgerlich wird dieser Fehler in Kombination mit einem anderen aus dieser Liste: dem Hängen am Einstandskurs. Genau das passierte Buffett Anfang der Neunziger mit Walmart. Er baute eine Position auf, doch der Kurs stieg etwas zu schnell. Wenn ein Unternehmen bei X eine hervorragende Gelegenheit ist, ist es das vermutlich auch bei 1,1 mal X — aber sein Kopf hing am zuerst gesehenen Preis, und er hoffte auf einen Rücksetzer. Der kam nie.

Im Nachhinein sind wir alle klug. Doch wenn etwas in deinem Kompetenzkreis liegt und du es als Gelegenheit erkannt hast, bleibst du nicht einfach zuschauend sitzen und knabberst auch nicht nur daran.